ARCHITEKTUR UND HEILUNG

Es geht nicht um Ihr Haus, es geht um Ihr Leben.

DI Claudia Schumm

Flüchtlinge - warum ich helfe

...und was das alles mit mir macht

Flüchtlinge - warum ich helfe

Vier Monate ist es her als mich die ersten Meldungen von den Zuständen im überfüllten Erstaufnahmelager in Traiskirchen mitten ins Herz trafen. Menschen, darunter viele Kinder und alleine ankommende Jugendliche, die am Boden und auch im Regen (Gottseidank war es ein warmer, trockener Sommer) über Wochen draußen schlafen mussten. (Übrigens auch jetzt noch, wo es kalt und nass geworden ist, gibt es wieder viele obdachlose Flüchtlinge, da ein Aufnahmestopp die Zahlen im Lager politisch nach unten korrigieren soll auf Kosten der neu Ankommenden). Ich fand das unerträglich, mein erster Gedanke Anfang Juli war: Mir geht es so gut, will ich jetzt an meiner Luxusspirale drehen oder will ich helfen? Und das war die Antwort.

Seitdem verbringe ich 1-2 x pro Woche in diversen Spendensortierungsorten der Caritas, kümmere mich um eine junge syrische Studentenfamilie mit Baby und besuche die unbegleiteten minderjährigen Jugendlichen am Freitag Nachmittag in der Semperithalle, wo es regelmäßig einen Spielenachmittag gibt und ich einen Deutschkurs anbiete. Kopiere 70 mal die Unterlagen, suche mir bei diversen Hoferfilialen die günstigen Ringordner zusammen und bastle Mappen, damit die Skripten schön zusammen bleiben und die Kids auch alleine lernen können. Klingt nach viel Aufwand, höre ich immer wieder, aber genau das Gegenteil ist der Fall. Ja, es ist anstrengend, bei 40 Grad im überhitzen Zelt stundenlang Spendenberge zu sortieren, aber jedes mal wenn ich meinen Dienst beende, habe ich danach mehr Energie als ich reingegeben habe. Es ist die unnmittelbare Erfahrung, die ich da immer wieder machen darf, dass Geben mit noch viel mehr Bekommen gekoppelt ist - es ist die Freude, die sich vermehrt wenn man Freude schenkt.

Viele berührende Momente waren dabei, oft in den kleinen Dingen. Zu beobachten, wie Menschen aus ganz Österreich mit ihren vollbeladenen Autos zum Omnibus kamen und ihre liebevoll zusammengesammelten Spenden brachten. Diese Fülle zu erleben, dass alles da ist, nur umverteilt werden braucht, dass so viele Menschen geben wollen und das gerne, diese Energie ist einfach unbeschreiblich. Firmenspenden wie z.B. bergeweise neue Schuhe oder Windeln, das macht einfach glücklich. Und Sinn. Nie vergessen werde ich den 31. August, die erste Demo für einen menschenwürdigen Umgang mit Asylanten. 20 Minuten vor angekündigtem Beginn waren grad mal 100 Leute am Platz und ich hörte zwei Organisatoren reden, die hofften, dass überhaupt jemand kommt. Dann ging es los. Im Sekundentakt füllte ich der Platz und um 18:00 knackevoll, letztendlich kamen 20.000. Dieses gemeinsame Anliegen für Menschlichkeit egal worum es geht, ohne Lösung, ohne politischen Plan, ohne nachzudenken, wie das weiter gehen soll etc....ohne Angstgedanken, einfach nur ein Statement, ein neuer Ausgangspunkt, das wurde hier geboren. Danach konnte man sehen, dass die Politik sich gestärkt fühlte und ein paar Tage später die Grenzen geöffnet wurden. Das Kollektiv ist nicht aufzuhalten, Liebe ist einfach stärker als Angst. 

Der nächste unvergessliche Tag war der darauffolgende Samstag, der 5. September. Da kamen tausende Flüchtlinge aus Ungarn am Westbahnhof an, schon in der früh folgte ich dem Spendenaufruf und fuhr hin. Was ich da erlebte war eine humanitäre Ausnahmesituation: Berge von Essensspenden waren auf der Strasse gestapelt denn es war kein Raum mehr frei, Menschen kamen mit ihren Taschen und brachten Kleidung etc. Jeder wollte was beitragen. Es drohte zu regnen, also fuhr ich zum Bauhaus und holte riesige Abdeckplanen, in letzter Sekunde gerade noch geschafft..... Was mich auch so fasziniert hat war die Spontanität in allem: Es gab keinen Plan, niemand wusste genau, wie das gehen soll und trotzdem hat alles bestens funktioniert. Man sah, was zu tun war und man tat es einfach ohne zu fragen. Im Vordergrund stand das Bedürfnis, zu helfen, der Rest ergab sich von selbst. Irgendwie konnte ich nicht heimfahren, ging zum Bahnsteig und war gebannt von der Stimmung hier. Eine junge Frau bot mir Kaffee von Mc Donalds an, ich lehnte beschämt ab, do sie bestand darauf, dass ich mir nehme. Sie sagte, ich kann mir auch gratis Kaffee und Tee vom Mci holen und an die Flüchtlinge austeilen. Dankbar für diese Möglichkeit tat ich das dann auch die nächsten 5 Stunden, ich teilte sogar Zigaretten aus und es war ein tolles Gefühl! Das Überwältigende hier war diese Freude, die spürbare Öffnung, Freiheit und Dankbarkeit, die jeder Anwesende hatte. Immer wieder schoss es mir Tränen in die Augen, auch anderen ging es so. Es wurde kalt und es begann zu regnen, die Syrer aber standen stundenlang im Freien und hielten ihre Schilder, auf denen stand: "Danke Österreich". Sie zitterten vor Kälte, da ging ich hin und sagte ihnen, sie sollen sich bei der Caritas Jacken holen, sie verneinten, denn es war ihnen wichtiger, diese Schilder zu halten. Da holte ich sie einfach und dann zogen sie sie an...

In Nickelsdorf war es ähnlich, die völlig erschöpften aber glücklichen Menschen zu empfangen und sie mit den notwendigsten Gütern zu versorgen, z.B. mit Schuhen. Diese waren meist total kaputt und zertreten, die Füsse wund und schwarz. Ein Kind hatte eiskalte Füsse und diese mit Socken zu überziehen fühlte sich im Moment als das Beste an, was ich meinem ganzen Leben je getan habe. Die internationale Anteilnahme war groß: Es kam sogar ein vollbeladener Lieferbus aus Dänemark (!) an, der lud säckeweise Spenden ab und fuhr dann wieder weg....Das meist gehörte Wort an diesen Tagen war "Thank you". Ein Wort noch zur Allgemeinstimmung unter den Flüchtlingen: Auffallend was dieser starke Zusammenhalt untereinander. Kein Vordrängen, kein Kinderschreien, viel Geduld und Dankbarkeit. Behinderte wurden geschoben, getragen, umsorgt. Immer wurde auf die Gruppe geschaut und auf andere gewartet. Essen wurde gerecht verteilt, die jungen Männer gaben ihre Kekse und Bananen sofort an die Kinder weiter. Das hat mich am meisten fasziniert. Am Abend nahmen wir (Elke und ich) dann im Auto eine junge Familie mit und brachten sie zum Westbahnhof. Die erste Frage des Mannes war, wo er eine Chipkarte fürs Handy bekommen kann, er muss nach Hause (Aphganistan) telefonieren, seine Familie benachrichtigen dass sie es geschafft haben und in Sicherheit sind. Ohne nachzudenken gab ich ihm mein Handy, damit er das sofort machen kann. Diese Momente zu teilen, ist ganz was Besonderes, hierfür bin ich total dankbar.

Die syrische Jungfamilie, mit der ich nun laufend in Kontakt bin, wohnt mittlerweile in Wien. Kennengelernt habe ich sie in Traiskirchen, als mich der Vater um ein Fahrrad gebeten hat. Habe mir seine Nummer aufgeschrieben und als ich eines aufgetrieben habe, hab ich ihn wieder kontaktiert. Seitdem frage ich immer nach, ob sie was brauchen und versorge sie u.a. mit Informationen.

Mosaab schrieb mir folgendes: "We thank you to provide assistance and provide very valuable things for you very much for refugees. I´m very grateful to you."

Meine Antwort: "…you know, you refugees bring us a lot of joy and give to many of us a new perspective…..there is a complete new wave of helpfulness in our country, which makes the people here feel alive again. They come together instead of sitting in their homes….. I think we have enough to give and share and we somehow lost that in our dayly life in our culture. When I see Syrian people on their way to here how they are helping each other, holding together, this is what we can learn from you! So we thank you!!!"

Die ganze Situation sehe und erlebe ich als Geschenk. Eine Gelegenheit für jeden einzelnen, sich zu fragen, wie er/sie damit umgehen möchte. Für viele sicher eine Herausforderung, da es ja zur Konfrontation mit den eigenen Ängsten kommt: Existenzangst, die Bedrohung, dass ich zu kurz komme oder mir was weggenommen werden kann, die Angst, Teilen und Geben zu müssen, Verlustangst, Angst vor dem Fremden und dem Islam etc....genau das ist das Wertvolle daran, dass diese uralten Ideen verabschiedet werden können, die Grenzen in unserem Geist gesprengt werden und wir uns alle als das erleben dürfen, was wir sind: eine große Einheit.

Es ist für mich die Umsetzung aller theoretischen Inhalte, die ich in meinem Leben bisher in zahlreichen spirituellen Seminaren im Trockentraining geübt habe und nun in der Praxis anwenden darf: wundergesinntes Denken, angstfreies Handeln und widerstandslose Akzeptanz. Geben ohne Erwartungshaltung, urteils- und bewertungsfreie Begegnung meines Nächsten. Dem Herzen zu folgen und darauf vertrauen, dass sich daraus eine Lösung ergibt, die aus einer höheren Quelle kommt und die Dinge so richten kann, dass jeder gewinnt.

Ich will mich nicht mehr verstecken als kleines Körnchen in einer großen Masse, sondern meine Stimme erheben im Bewusstsein, dass mein Geist mächtig ist und ich mir in jedem Moment meine Welt neu kreiere.

Über die Autorin

Claudia Schumm

Claudia Schumm

Ich bin seit über 18 Jahren selbständige Architektin mit dem Schwerpunkt Feng Shui, Wohlbefinden und Heilung. In meinen zahlreichen Projekten besonders in Spitälern und Arbeitsräumen steht immer die Wirkung des Umfeldes auf den Menschen im Vordergrund, die gestalterischen Aspekte wurden jeweils individuell mit der Situation abgestimmt. Mein Aufgabengebiet ist breit gefächert und reicht von der Wohlfühl-Wunderberatung im Gemeindebau über die Entwurfsplanung von Architekturprojekten, Gestaltung von Räumen mit besonderer Atmosphäre bis hin zur Theta-Healing-Einzelbehandlung. Die persönliche Auseinandersetzung mit Geist, Seele, Spiritualität und Transformation ist mein ständiger Begleiter und trägt zur Entwicklung meiner Arbeit konstant bei. Lernen durch Feedback ist mir wichtig, daher wurde nun der Blog ins Leben gerufen. Ich lebe in Wien, bin verheiratet und habe zwei zum Teil erwachsene Kinder.
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